Eins
Freuden wollt’ ich dir bereiten,
zwischen Kämpfen, Lust und Schmerz
Wollt’ ich traulich dich geleiten
Durch das Leben himmelwärts.
Doch du hast’s allein gefunden.
Wo kein Vater führen kann,
durch die ernste, dunkle Stunde
Gingst du schuldlos mir voran.
Wie das Säuseln leiser Schwingen,
draußen über Tal und Kluft,
Ging zur selben Stund ein Singen
Ferne durch die stille Luft.
Und so fröhlich glänzt’ der Morgen
S war als ob das Singen sprach:
Jetzo lasset alle Sorgen,
Liebet ihr mich, so folgt mir nach!
Zwei
Ich führt’ dich oft spazieren
In Winter-Einsamkeit,
kein Laut ließ sich da spüren,
Du schöne, stille Zeit!
Lenz ist’s nun, Lerchen singen
Im Blauen über mir ,
Ich weine still sie bringen
Mir einen Gruß von dir.
Drei
Die Welt treibt fort ihr Wesen,
Die Leute kommen und gehen,
Als wärst du nie gewesen,
Als wäre nichts gescheh’n.
Wie sehn’ ich mich auf’s neue
Hinaus in Wald und Flur!
Ob ich mich gräm’, mich freue,
Du bleibst mir treu, Natur.
Da klagt vor tiefem sehnen
Schluchzend die Nachtigall,
Es schimmern rings von Tränen
Die Blumen überall.
Und über alle Gipfel
Und Blütentäler zieht
Durch stillen Waldes Wipfel
Ein heimlich Klagelied.
Da spür’ ich s recht im Herzen,
dass du’s, Herr, draußen bis
Du weiߑs, wie mir von Schmerzen
Mein Herz zerrissen ist!
Vier
Von fern die Uhren schlagen,
Es ist schon tiefe Nacht,
Die Lampe brennt so düster,
Dein Bettlein ist gemacht.
Die Winde nur noch gehen
Wehklagend um das Haus,
Wir sitzen einsam drinnen
Und lauschen oft hinaus.
Es ist, als müsstest leise
Du klopfen an die Tür,
Du hätt’st dich nur verirret,
Und kämst nun müd’ zurück.
Wir armen, armen Toren!
Wir irren ja im Graus
Des Dunkels noch verloren ‘
Du fandest längst nach Haus.
Fünf
Dort ist so tiefer Schatten,
Du schläfst in guter Ruh,
Es deckt mit grünen Matten
Der liebe Gott dich zu.
Die alten Weiden neigen
Sich auf dein Bett herein,
Die Vöglein in den Zweigen
Sie singen treu dich ein.
Und wie in goldnen Träumen
Geht linder Frühlingswind
Rings in den stillen Bäumen
Schlaf wohl, mein süßes Kind!
Mein liebes Kind Ade!
Ich konnt’ Ade nicht sagen
Als sie dich fortgetragen,
vor tiefem, tiefem Weh.
Jetzt auf lichtgrünem Plan
Stehst du im Myrtenkranze
Und lächelst aus dem Glanze
Mich still voll Mitleid an.
Und Jahre nah’n und geh’n,
Wie bald bin ich verstorben
O bitt’ für mich da droben,
dass wir uns wiederseh’n!
Joseph (Karl Benedikt) von Eichendorff (1788-1857), Auf den Tod meines Kindes
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