Trauern – und mit dem Verlust leben lernen

Trauriges_Mädchen_am_See Trennung, Veränderung und Verlust sind essentielle Themen, die Menschen immer wieder in ihrem Leben und oft über einen langen Zeitraum hinweg beschäftigen. Unser ganzes Leben lang erinnern wir uns – der ersten Liebe, guter Freunde, glücklicher Augenblicke, Momenten der Verzweiflung. Wir tragen ein Äon an Bildern, Gefühlen, Gedanken und Worten in uns, das mit den Jahren immer größer wird. Einiges verschwindet, vielleicht nur eine Zeit lang, und taucht viele Jahre später wieder auf. Ob Erinnerungen zu einem Teil unseres Lebens werden oder ob sie uns so sehr quälen, dass sie uns vom Leben abschirmen, das Leben selbst vielleicht gar unmöglich erscheinen lassen, hängt ab von unserem Weg der Trauer. Trauer ist wichtig, ist unabdingbar und der einzige Weg, auf dem wir von der Fassungslosigkeit, von der Unmöglichkeit des Daseins zurück ins Leben finden. Dennoch hat Trauer in unserer Gesellschaft in der Regel keinen Platz. Nur wenige gewähren Trauernden Raum und Zeit genug, um ihren ganz persönlichen Weg zu finden, mit einem Verlust zu leben. Wenn ein Mensch gestorben ist, erleben die Angehörigen es immer wieder: Beileidsbekundungen, Beileidskarten, ein Händedruck oder eine Umarmung am Grab (so vorhanden) und dann – nichts. Mit den Wochen und Monaten der betretene Blick beiseite oder das gut und etwas maßregelnd gemeinte „Du musst dich zusammenreißen. Das Leben geht doch weiter. Irgendwann muss es doch auch mal gut sein.“


Hinterbliebene und Sterbende trauern gleichermaßen. Im Folgenden betrachten wir den Weg der Trauer aus der Sicht der Hinterbliebenen.


Ein langer Weg


Trauer ist ein komplexer Prozess, und obschon die Stationen, die man durchläuft, sich von Mensch zu Mensch unterscheiden, haben Trauerbegleiter und Psychologen (zum Beispiel J. William Worden in „Beratung und Therapie in Trauerfällen“, 1987) vier Phasen herausgearbeitet, denen ein Trauernder sich immer wieder wird stellen müssen, bis er einen Weg gefunden hat, mit ihnen zu leben. Am Beginn steht das „Nicht-wahrhaben-Wollen“. Gefühl und Verstand stehen im Wettstreit miteinander, der Verlust ist ein Schock. Unmöglich kann wahr sein, was unmöglich erscheint. Die Konsequenzen, die der Verlust nach sich zieht, sind so erdrückend, dass man sich ihnen, so scheint es, nicht stellen kann, ohne den Halt zu verlieren. Gedanken zu ordnen scheint unmöglich zu sein; alle Kraft ist darauf gerichtet, in dem Moment zu verharren, in dem das Wissen um den Verlust noch nicht Gewissheit geworden ist. Einen Verlust annehmen zu können, sich bewusst der Tatsache zu stellen, dass er existiert und nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, ist der erste, wichtigste und sicherlich einer der schwierigsten Schritte – denn erst durch ihn kann die Zeit der Trauer beginnen.


Vom Anerkennen bis zur Akzeptanz ist der Weg weit und schmerzvoll. Auf das Wissen folgt ein Chaos der Gefühle. Ungesteuert und in stetem Widerspruch zueinander übermannen uns Angst, Zorn, Aggressionen, Kummer, Verzweiflung, Depression, Apathie, Schmerz und das erstickende Gefühl vollkommener Sinnlosigkeit. Wir weinen, klagen und sind voller Schuld. Wer ist verantwortlich für den Verlust? Wen können wir hassen, wem vielleicht vergeben? Wie können wir verstehen, was geschah? Warum leben wir selbst weiter, während der geliebte Mensch sterben musste? Warum konnten wir seinen Tod nicht verhindern, obschon wir doch alles, alles, alles in unserer Macht stehende getan hätten oder haben? Was für ein Hohn ist dieser Gott, sind Ärzte, ist die Macht der Liebe, sind Freundschaft und Treue, wenn all das nicht hat helfen können? An was sollen wir glauben, in was unser Vertrauen setzen, wenn nichts vorhersehbar ist, nichts Bestand hat? Wie können wir akzeptieren, dass wir hilflos sind – und dennoch weiterleben?
Und dann wieder, unvermittelt und wie eine Insel im Sturm, sind wir voller Sehnsucht, Liebe, Dankbarkeit und Ruhe. Scheint alles möglich, selbst das Unglaubliche, fangen wir eine kleine Ahnung davon ein, wie es sein könnte, wenn wir gelernt haben, mit der Trauer zu leben – eines Tages.


An Schlaf ist in dieser Zeit oft nicht zu denken, auch wenn man ihn herbeisehnt, weil er für kurze Zeit Vergessen schenkt. Wir sind schwach und anfällig für alle Infekte dieser Welt. Das Essen ist meist Qual oder lieblos erfüllte Verpflichtung. Jeder gelebte Augenblick entfernt uns weiter von dem Toten, macht sein Fehlen endgültiger; jedes kleine Lächeln tut gut und scheint zugleich als Verrat. Auch wenn wir wissen, dass der geliebte Mensch gegangen ist, bedeutet das noch lange nicht, dass wir wissen, wie wir mit dieser Tatsache leben könnten, verstehen wir uns und die Welt nicht mehr. Nur wenn das Umfeld Verständnis zeigt, die Trauer begleitet, akzeptiert und (auch auf lange Sicht hin) zulässt, steht der Weg offen, sich zaghaft und vorsichtig an eine Neuorientierung heranzutasten. Was im Leben ist wirklich wichtig? Was verzichtbar? Auf was können wir bauen, was noch erhoffen? Gibt es Ziele, die wir erreichen möchten – etwas, auf das wir uns konzentrieren können, wenn wir an eine Zukunft zu denken wagen, die über den nächsten Atemzug hinaus geht?


Später dann schwelgt man oft in dieser Zeit des Verstanden-Habens und der Suche nach einer Neuorientierung in Erinnerung, versucht sich an dem Gedanken einer Trennung. Der Verstorbene besucht uns im Traum, wir sprechen mit ihm an seinem Grab oder an Orten, die ihm oder uns etwas bedeutet haben. Und langsam, Schritt für Schritt rekonstruieren wir unsere Beziehung zu ihm, durchleben all die vielen kleinen und großen Augenblicke noch einmal. Manche Stärken, Schwächen oder andere Charakterzüge, die man an sich selbst entdeckt, stammen vielleicht von dem Verstorbenen. Noch immer schließt man (etwa beim Tod des Partners) alle Türen in der Wohnung, weil dies eine Marotte von ihm war, mit der man sich mit den Jahren arrangiert hat. Manchmal aber stellt man auch fest, dass vermeintliche Schwächen des Verstorbenen die eigenen waren. Man ging nicht deshalb so selten ins Kino, weil er so gern auf der Couch saß – man geht auch jetzt nicht, selbst nach Jahren nicht, und ist beschämt, weil man dem Verstorbenen sein Lebtag Vorwürfe deshalb gemacht hat. Anderes hat ein Freund oder Partner vielleicht ein Lebtag übernommen und erst jetzt fällt einem auf, wie groß der Berg war, der einem abgenommen wurde, und dass man nie dafür gedankt hat. Hier kann es helfen, sich der Dinge zu besinnen, die der Tote in uns belebt und geweckt hat und diese Eigenschaften und Meilensteine auf dem Weg des Lebens für die Zukunft zu bewahren. So lebt ein Teil von ihm immer in uns fort.
Häufig wird der Verstorbene in dieser Phase idealisiert. Und während der Verlust sich wieder und wieder schmerzlich ins Bewusstsein drängt, während wir erkennen, dass er auch Fehler hatte und dass wir auch mit diesen gern gelebt haben, verändert sich Schritt für Schritt die Beziehung zu ihm, wird sicherer, verlagert sich mehr ins Innere, macht ihn zu einem Teil von uns. In seinem Lied „Der Weg“, in dem der Sänger Herbert Grönemeyer seinen Schmerz um den Verlust seiner Lebenspartnerin in Worte fasst, beschreibt er den Endpunkt dieses Prozesses gut: „Ich gehe nicht weg. Hab meine Frist verlängert. Neue Zeitreise, offene Welt. Habe dich sicher in meiner Seele. Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt. Ich trag dich bei mir, bis der Vorhang fällt.“
Um den Schmerz hinzugeben, ohne dies als Verrat zu empfinden, können Rituale helfen – das gemeinsame Begehen des Todes- oder Geburtstages mit Freunden und Verwandten etwa oder ein Lied, das man mit dem Verstorbenen verbindet und in dem man sich ihm nahe fühlt. Das Schreiben von Briefen an ihn. „Nicht alle Schmerzen sind heilbar“ heißt es in einem Gedicht von Ricarda Huch, und sie hat Recht. Die Erinnerung an den Verstorbenen wird bleiben - aber auch die Dankbarkeit, einen Teil des Weges mit ihm gemeinsam gegangen zu sein.


In der letzten Phase auf dem Weg der Trauerbewältigung haben wir erfahren, dass wir trotz des Verlustes ein ganzer Mensch sein können. Wir wenden uns wieder dem Leben zu, können uns auf neue Beziehungen einlassen – auch wenn wir (nicht nur in unserem Kopf) wissen, dass diese endlich sind (und sie deshalb umso mehr zu schätzen wissen). Mit Trauer und Verlust leben zu können – zu erfahren, dass wir diesen Weg gegangen sind und ihn bewältigt haben – macht auch stark und gibt Kraft. Der Tod, die vielen großen und kleinen Verluste und Veränderungen im Leben, die dem überwundenen Verlust folgen werden, können auch Hoffnung geben und neuen Lebensmut. Und doch bleibt etwa, das unersetzbar ist und es immer sein wird; bleibt die Erkenntnis, dass mit dem Verstorbenen eine Welt gegangen ist und nimmermehr zurückkehren wird. Die letzte Frage nach dem „danach“ und dem „warum“ können wir nicht lösen – wir können ihr nur mit Dankbarkeit und Liebe begegnen.


Wie Sie Trauernden helfen und zur Seite stehen können, erfahren Sie hier.
me, Photo: yellowgekko

13. März 2008 um 12:29 Uhr