Aus dem Lateinischen kommend bedeutet es Respekt, auch Ehrfurcht. In der Antike stand es für pflichtbewusstes Verhalten Menschen und Göttern gegenüber, für Demut. Oft und doch nicht immer steht Pietät heute für Respekt und Ehrfurcht den Toten gegenüber. Brauchen die Toten Respekt? Brauchen sie Ehrfurcht?
In der Philosophie steht Pietät für Frömmigkeit, für ehrfürchtige Scheu und auch liebevolle Pflege. Im Konfuzianismus bezeichnet die kindliche Pietät (xiao) die Liebe der Kinder zu ihren Eltern, ihren Ahnen, äußert sich in der Hochhaltung des Ererbten, der Riten, der Musik und der literarischen Bildung und erstreckt sich über den Tod hinaus – manchmal bis hin zur Unterwürfigkeit. Meyers Konversationslexikon schreibt zu Pietät: die, Achtung; im engeren Sinn die taktvolle Rücksichtnahme gegenüber Angehörigen von Verstorbenen. Das trifft es vielleicht eher und doch nicht ganz.
Eine neue Definition von Pietät
Für diese Seite soll den Defnitionen von Pietät eine neue hinzu gefügt werden: Pietät, das ist der auch der Mut, Schweigen auszuhalten und Schweigen zu brechen. Ehrlich zu sein, aufzurütteln. Den Takt in den Wind zu schreiben und den Mantel der Unnahbarkeit, den die Trauer allzu oft webt, zu durchbrechen. Hinzuhören. Da zu sein. Den Finger auf die Wunde zu legen, damit sie schmerzen kann. Den Mut, Trauer anzunehmen. Und die Liebe, mit ihr zu leben.
Über den Tod hinaus sind unsere Toten ein Teil unseres Lebens – und unsere Trauer um sie ein Teil unseres Selbst. Lachen zu dürfen. Fluchen zu dürfen. Sich erinnern zu dürfen, im Guten wie im Schlechten. Einfach weinen zu dürfen – aus Trauer, aus Wut, aus Hilflosigkeit – auch nach Monaten noch, nach Jahren. Sich nicht verstecken zu müssen in seinem Schmerz. Sich nicht verstellen zu müssen in seiner Not, nicht Ausgestoßen zu sein, weil man etwas verloren hat. Nicht sprachlos zu sein und nicht sprachlos zu werden. Die Lebenden mit ihren Toten zu lieben und anzunehmen – sie zu behandeln, wie das, was sie sind: Menschen mit einer Vergangenheit und einer Zukunft.
Das ist Pietät.
