Was tut man, wenn man als „Trauergast“ am Grab eines Menschen steht? Die engen Freunde und Verwandten stehen dort, in Tränen versunken oder tränenlos erstarrt. Sarg oder Urne ruhen im offenen Grab, und die Prozession der Kondolierenden kommt näher. Ist man selbst an der Reihe, wirft man einen Strauß hinein, eine einzelne Blume oder ein Stück Erinnerung, schüttelt Hände, vielleicht eine kurze Umarmung. Dann geht man weiter, steht stumm an der Seite, regt sich nicht.
„Warum“, hat mich eine gute Freundin gefragt, „warum werden wir so sprachlos im Angesicht des Todes?“ Warum halten wir uns an die Formeln, die ungeschriebenen Gesetze, die allzu oft vor allen Dingen eines tun: Nähe erst gar nicht aufkommen zu lassen, es möglichst schnell hinter sich zu bringen?“
Ist es die Angst, die Contenance zu verlieren? Die Angst, nicht zu wissen, wie man mit der Verzweiflung eines Dritten umgehen soll, umgehen kann, umgehen darf?
Vielleicht ist die Antwort ganz leicht: Menschen können Menschen durch Trost helfen.
„Aber“, sagt meine Freundin, „wenn ein Mensch gestorben ist, scheint es keinen Trost zu geben. Der Mensch ist ja tot, er kehrt nicht zurück. Muss man da nicht sprachlos werden? Ist man da nicht hilflos? Was gäbe es noch zu sagen, das nicht wie eine Farce klänge?“
Vielleicht ist es egal, welche Worte man wählt. Vielleicht reicht es schon, einfach nur man selbst zu sein und das zu sagen, das einem auf der Seele brennt - auch wenn es noch so belanglos erscheint. Vielleicht ist der größte Schritt das Überwinden der Sprachlosigkeit, das Überwinden der Starre. Und vielleicht hilft es schon, das Gegenüber in den Arm zu nehmen, seine Hand fest zu drücken, seinen Blick zu suchen und ihm nicht auszuweichen – auch dann nicht, wenn man weint. Zu sagen „Danke. Danke, dass ihr uns diesen Menschen geschenkt habt.“ Oder „Wir haben ihn geliebt.“ Oder „Ich bin für euch da. Gerade jetzt.“
Vielleicht. Wäre das schon. Der erste kleine Schritt zu einem neuen Anfang.
