Die Hälfte des Himmels gehört Bo (Dagmar H. Müller), ab 10 Jahren

Die_Hälfte_des_Hmmels_gehört_Bo_Coverbild
Marthas kleiner Bruder Bo ist eine echte Nervensäge: Immer will er Recht haben und immer behauptet er Sachen, die gar nicht stimmen können. Zum Beispiel, dass er den Himmel für drei Zitronenbonbons und zwei Himbeerlutscher gekauft hat. Und was das Schlimmste ist: Marthas Eltern lassen Bo all das auch noch durchgehen! Doch dann erfährt Martha die Wahrheit und sie begreift: Die Hälfte des Himmels gehört tatsächlich Bo - und das ist ein schöner Gedanke.


„Also, so einen Bruder braucht ja wirklich kein Mensch!“ ist der erste Gedanke, wenn man als Leser die Ich-Erzählerin Martha und ihre Familie kennen lernt. Marthas fünf Jahre jüngerer Bruder Bo(ris) ist rechthaberisch, alles soll immer nach seiner Nase laufen, und er behauptet gern, dass ihm alles gehört. Mit seinem Dackelblick, den er auf Knopfdruck einschalten kann, bringt er das Herz der Erwachsenen mit Kalkül zum Schmelzen. Doch Bo ist nicht nur ein Ekelpaket; ist lebensfroh, sprüht vor Phantasie und Ideen, und für jeden guten Spaß zu haben. Nie ist er nachtragend und wenn es drauf ankommt auch sehr einfühlsam. Mit ungeheurer Präsenz und Lebensfreude behauptet sich der sechsjährige Bo gegen die elfjährige Martha und die zwei anderen Schwestern (14 und 16), und wenn die Eltern nicht immer und immer wieder so unfassbar nachsichtig dem kleinen Jungen gegenüber wären, wäre das Leben auch fast schon perfekt. Doch die Eltern scheinen in Bezug auf Bo keine Grenzen zu kennen – er darf alles, kassiert alles und kassiert für Dinge, die bei den Schwestern mit Schelte und Strafen geahndet werden, nur ein Lächeln.
Diese Ungerechtigkeit macht Martha unendlich wütend: Sie fühlt sich ungeliebt und ist eifersüchtig auf den kleinen Charmebolzen und dessen Talent, alle um den Finger wickeln zu können. Und eines Tages dann hält Martha es nicht mehr aus. Sie explodiert, all die gesammelte Wut sprudelt aus ihr heraus. Erst an diesem Tag erfährt sie von ihren Eltern den Grund für deren Verhalten: Bo ist krank. Bo muss sterben. Irgendwann. Irgendwann bald.

Die Schwestern können und wollen es nicht begreifen; ihre Eltern sind erleichtert, ihre Ängste nun nicht mehr verheimlichen zu müssen, werden mit diesem Schritt aber auch verwundbar und verunsichern so ihre Kinder. Sie haben keine Antworten, können keinen Halt geben, wo sie sich selbst hilflos und verloren fühlen. Gerade noch weinen sie, dann wieder sind sie antriebslos, gereizt oder aufgesetzt fröhlich. Kurz: Als es einmal heraus ist, legt sich die Lähmung wie eine Glocke über die Familie, und nur ein einziger geht weiter mit ungebrochener Gelassenheit und Fröhlichkeit durchs Leben und freut sich auf den Himmel, in dem er alles wird können dürfen, was er will: Bo selbst.
Der Weg, den Martha und ihre Familie vor und nach Bos Tod gehen, ist schwer; er ist tränenreich aber doch auch immer wieder zum Schmunzeln, dann wieder zum Vor-die-Wand-treten vor Wut und im Allgemeinen so widersprüchlich wie die Trauer selbst. Und neben allem Schmerz bleibt neben der unbeantworteten Frage auf das „Warum“ doch auch ein Schatz am Ende: Die Freude darüber, dass es diesen Bo mit seinem Einfallsreichtum und seinen Streichen überhaupt gab – und die ersten Schritte in einneues (Familien)leben ohne Bo – und doch mit ihm.

Ein wundervolles Buch, das Kinder nicht unkommentiert allein lesen, sondern im Gespräch mit älteren Familienmitgliedern oder Freunden besprechen können sollten.
me

Dagmar H. Müller: Die Hälfte des Himmels gehört Bo
Thienemann (gebunden), Stuttgart 2006
ISBN 3-522-17784-3, 224 Seiten
12,90 Euro, ab zehn Jahre

01. Januar 2008 um 15:27 Uhr