Das ist einfach das Richtige für mich! Erfahrungsbericht einer angehenden Hospizhelferin

Portraitfoto der angehenden Hospizhelferin Michaela Pelz Hospizbewegung – was ist das? Wer macht das? Warum macht das jemand? Und: Will und kann ich das auch tun? Eine Frau in der Ausbildung zum Hospizhelfer berichtet.


Die Entscheidung

Es gibt Momente im Leben, in denen du dich fragst: „War es das jetzt? Oder kommt da noch was? Und wenn ja: Was könnte das sein?“ Manchen stellt sich die Frage nach 25 Jahren Ehe, 30 Jahren im gleichen Job oder pünktlich zur Vollendung des 40. Lebensjahrs. Bei mir dauerte es bis zum 45. Geburtstag.
Nicht, dass mir zu Hause vor Langeweile die Decke auf den Kopf gefallen wäre. Ganz im Gegenteil! Zwei lebhafte Kinder von sechs und acht, ein Beruf als Journalistin und Übersetzerin, der mich forderte, das eine oder andere Ehrenamt … Und doch nagte da etwas an und in mir, der Gedanke, dass es da etwas geben musste, das in Angriff genommen werden wollte - aber ich kam und kam nicht darauf, was es wohl sein könnte. Bis zu dem Tag, an dem ich eine Mail von einer Bekannten bekam: „... werde ich demnächst eine Ausbildung zur Hospizhelferin beginnen. Wäre das nicht auch etwas für dich?“ Da wurde es mir klar – und alles schien plötzlich ganz logisch: Ja, ich möchte Schwerkranken und ihren Angehörigen zur Seite stehen und Menschen in ihren letzten Monaten, Wochen, Tagen oder auch Stunden begleiten.
Das Thema „Tod“ war immer schon präsent in meinem Leben. Mit 15 las ich Kurt Martis „Leichenreden“, später dann Kübler-Ross, noch später Romane und Bücher, in denen Autoren das Sterben ihrer Angehörigen beschrieben und aufarbeiteten. Auch beruflich beschäftigte ich mich immer wieder mit diesem Thema. Neben Rezensionen von Kinder- und Erwachsenentiteln zum Thema „Tod“ hatte ich im Rahmen eines Specials für ein Online-Portal viel recherchiert, Webseiten von und für Trauernde besucht, über unterschiedliche Bestattungsmethoden gelesen und mit Menschen gesprochen, die sich beruflich mit dem Tod beschäftigen. Und nun hatte mich die Bekannte per Zufall – aber gibt es in diesem Zusammenhang überhaupt Zufälle? – auf die Idee gebracht, wie ich mich selbst ganz konkret mit dem Sterben auseinandersetzen konnte. Also nahm ich das Telefon in die Hand und machte mich schlau.



Wie wird man Hospizhelfer?

Vom örtlichen Hospizverein erfuhr ich, dass nur der als Hospizhelfer zugelassen wird, der einen Grund- und danach einen Aufbaukurs besucht hat. Die Eignung für Letzteren wird im Rahmen eines Auswahlgesprächs von den Ausbildern festgestellt.
Die Kurse werden von fast allen Hospizvereinen angeboten – ihre Häufigkeit richtet sich allerdings nach der Zahl der Anmeldungen. Bei der Suche nach einem Hospizverein in der Nähe hilft die Adress-Datenbank des „Wegweiser Hospiz und Palliativmedizin Deutschland“ – dort finden sich, nach Bundesland oder Ort bzw. Postleitzahlbereich auch Palliativstationen, stationäre Hospize und Kinderhospize.
Obwohl die Hospizkreise und –vereine vielfach rechtlich getrennt sind und völlig unabhängig voneinander arbeiten, erkennen sie doch gegenseitig die Kursbescheinigungen an. Das ist wichtig, denn ohne Grund- kein Aufbaukurs. Dabei ähneln sich die Ausbildungsinhalte naturgemäß sehr stark, jedoch gibt es keine zentrale Stelle der Zertifizierung, weil dies nicht nur laut Angelika Westrich, Geschäftsführerin des Münchner Christophorus Hospiz Verein e.V. und Beisitzerin im Vorstand des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbandes e.V., aufgrund der Vielzahl der Curriculae aus finanziellen und Zeitgründen derzeit (noch) nicht leistbar ist. Die Landesverbände beziehungsweise der Deutsche Hospiz- und Palliativverband können jedoch eine Einschätzung abgeben, welche Ausbildungsträger Basiserfahrung und Fachwissen vermitteln, das sich aus einer gelebten Praxis herleitet.


Der Grundkurs

Ich hatte Glück, in meinem Landkreis gab es noch freie Plätze. Was mich bei diesem Wochenendseminar - zwei Tage mit jeweils sechs bis acht Stunden - erwarten würde, entnahm ich der Broschüre, die man mir nach der Anmeldung zugeschickt hatte. Zunächst würde ich etwas über die Hospizidee erfahren, dann ginge es um meine eigene Einstellung zu Sterben und Tod, sodann um die konkreten Aufgaben für Haupt- und Ehrenamtliche in der Hospizarbeit.
An einem Freitagnachmittag ging es los. Das knappe Dutzend Leute, das sich in dem kleinen Seminarraum eingefunden hatte, war bunt gemischt: Das Alter rangierte von Anfang 30 bis Ende 60. Einige kamen aus sozialen, andere aus Lehrberufen, es gab Mütter und Hausfrauen, Freiberuflerinnen wie mich, sowie Frauen aus der Wirtschaft. Und einen Mann. Hinterher erfuhr ich, dass das durchaus der Realität in deutschen Hospizvereinen entspricht: Wesentlich mehr Frauen als Männer, mit einem Altersschwerpunkt jenseits der fünfzig.
Die Gründe für die Teilnahme waren vielfältig. Einige suchten vor der bevorstehenden Pensionierung nach einem Ehrenamt für „die Jahre danach“. Andere wollten die intensive Beschäftigung mit „Tod-Sterben-Trauer“ dazu nutzen, eigene Erlebnisse zu verarbeiten. Wieder andere, die beruflich immer wieder mit dem Thema zu tun hatten, wollten es unter fachkundiger Anleitung vertiefen.



Die Hospizidee

„Du bist wichtig,
weil du eben du bist.
Du bist bis zum letzten Augenblick deines Lebens wichtig,
damit du nicht nur in Frieden sterben,
sondern auch bis zuletzt leben kannst.“

Diese Worte stammen von Cicely Saunders, die 1967 in London das erste Hospiz gründete, in dem Sterbende nicht nur ein Bett, sondern eine von Wärme, Menschlichkeit und Respekt geprägte Begleitung fanden. Die drei Ziele: Leid lindern, Wohlergehen fördern und das Leid der anderen gemeinsam mit diesen zu ertragen stehen daher auch im Zentrum der heutigen Hospizbewegung.
Dieser Idee verpflichten sich alle, die mit den schwer kranken Menschen und ihren Angehörigen zu tun haben und zu deren Wohl eng zusammenarbeiten: Ärzte, Pflegepersonal, Kunst-/Musik-/Psycho-/Physiotherapeuten, Sozialpädagogen, Seelsorger und ehrenamtliche Helfer.


Begegnung mit sich selbst

Um anderen in einer solchen Extremsituation, wie es der bevorstehende Tod ist, beistehen zu können, kehrt man zunächst einmal zurück zu den eigenen Wurzeln. Wo liegen meine Ängste? Wie kann ich ihnen begegnen? Was möchte ich für mich selbst bei der Arbeit mit Sterbenden lernen? Was habe ich zu geben?
In Rollenspielen und Gesprächsrunden nähert man sich diesen Fragen zunächst spielerisch und später ganz konkret. Da Vertraulichkeit und Verschwiegenheit – während der Kurse ebenso wie später beim Einsatz als Hospizhelfer – unabdingbar und oberste Voraussetzung sind, entwickelten sich unter den zwölf Menschen, die sich bis dato noch nie begegnet waren, ungewöhnlich offene Dialoge. Auch Tränen hatten in diesem Umfeld ihren Platz, waren jedoch niemals peinlich oder unangenehm.


Ausblick auf die Einsatzmöglichkeiten

Wo und wie der Hospizhelfer zum Einsatz kommt, erfuhren wir am Ende des Seminars: schwerpunktmäßig in der ambulanten und der stationären Hospizhilfe. Bei der ersten gehen Ehrenamtliche zu jenen Patienten nach Hause, deren Angehörige oder die sich selbst an den Hospizverein gewandt und um Unterstützung gebeten haben. Vor Ort beschäftigen sie sich mit dem Schwerkranken – sprechen mit ihm, lesen etwas vor oder sitzen einfach nur schweigend an seinem Bett. Durch ihre Anwesenheit entlasten sie die Angehörigen, die in dieser Zeit auch einmal das Haus verlassen können.
Pflegerische Tätigkeiten gehören ausdrücklich nicht dazu – aber natürlich kann der Hospizhelfer auch bei der Nahrungsaufnahme helfen und sollte auch in der Lage sein, die Schüssel zu halten, wenn ein Kranker sich erbrechen muss. Das Sterben ist nun einmal nicht nur psychisch, sondern auch physisch anstrengend.
Die stationäre Hospizhilfe erfolgt zum einen in Hospizen - von denen es auch spezielle Häuser für Kinder gibt - und zum anderen auf den Palliativstationen der Krankenhäuser und Pflegeheime. Die Tätigkeiten dort sind ähnlich, wenn auch das Umfeld ein anderes ist. Als Hospizhelfer sollte man seine Kraft etwa vier Stunden pro Woche zur Verfügung stellen können und sich in regelmäßigen Abständen einer Supervision unterziehen. Hier findet man im Kreis anderer Hospizhelfer und Fachleuten Antworten und kann sich auch Kummer und belastende Erlebnisse von der Seele reden. Das ist wichtig – auch deshalb, weil man mit niemandem, auch dem eigenen Partner nicht, über das sprechen darf, was man während der Tätigkeit erlebt.
Dennoch ist es unerlässlich, dass die Familie eines Hospizhelfers „mitzieht“. Allen Beteiligten muss klar sein, dass dieses Engagement nicht nur einen bestimmten zeitlichen Einsatz erfordert, sondern auch seine Spuren hinterlassen wird.

Während manche sich durch das Erlernte bestätigt fühlten, war anderen im Rahmen des Grundkurses klar geworden, dass sie diese Nähe zu Sterben und Tod emotional nicht verkraften konnten. Und wieder andere wollten sich mit ihrer Entscheidung Zeit lassen.


Der Aufbaukurs

Geweint hatte ich wohl, im Lauf des Seminars. Vor allem bei einem höchst eindrucksvollen, doch nie voyeuristischen Film über Krankheit und Sterben einer jungen Frau und Mutter. Aber mein ursprünglicher Entschluss wurde dadurch nicht beeinflusst – ich würde Hospizhelferin werden.
Es verging geraume Zeit, dann kam das Auswahlgespräch für den Aufbaukurs. Da dieser sehr (zeit)intensiv ist, möchte man so sicherstellen, dass die Probanden dem gewachsen sind, was sie erwartet. Zwölf Gruppentreffen à zweieinhalb Stunden mit Vorträgen, Gruppenübungen, Gesprächen, Rollenspielen. Dazu drei zweitägige Wochenendseminare inklusive eines Pflegetages mit praktischen Unterweisungen durch eine Pflegekraft. Und ein Praktikum mit zehn Besuchen bei einem Bewohner eines Alten- und Pflegeheims.
Im Gespräch wurden nochmals die eigene Motivation und die Erwartungen an die Arbeit als Hospizhelfer geklärt, auf mögliche Schwierigkeiten hingewiesen und die Bereitschaft eruiert, sich auf die anderen Kursteilnehmer und später dann auf die zu betreuenden Patienten einzulassen – erst dann folgte die Zulassung zum Aufbaukurs.


Erwartungshaltung adé

Für angehende Hospizhelfer ist es ratsam, den Aufbaukurs bei dem Verein zu absolvieren, unter dessen Federführung man später tätig werden möchte. So lernt man im folgenden Vierteljahr bereits jene kennen, mit denen man später eng zusammenarbeiten wird – und das kommt allen Seiten zugute. Diesen Menschen gegenüber wird man schonungslos offen und ehrlich sein müssen – was die eigenen Gefühle, Möglichkeiten, aber auch Grenzen anbetrifft. Man wird lernen, auf die Signale zu achten, die sie verbal und non-verbal aussenden. Auf die Reaktionen, die das eigene Verhalten und die eigenen Worte hervorrufen. Und auf die Gefühle, die bei einem selbst im Lauf der Gespräche und Rollenspiele entstehen. Denn alles, was in diesem Rahmen geschieht, ist eine Vorbereitung auf den späteren Umgang mit Sterbenden und ihren Angehörigen.
Auch da heißt es vor allem: Sensibel und aufnahmebereit für die Wünsche und Bedürfnisse des anderen sein. Keine Erwartungshaltung aufbauen. Nicht werten, was jemand sagt oder wie er sich verhält. Sich dabei aber auch nicht selbst verleugnen, sondern im Gegenteil die eigenen Ressourcen sinnvoll einsetzen. Stopp sagen, wenn es nicht mehr „passt“, wenn Grenzen überschritten werden, wenn die Kraft nicht mehr ausreicht. Sich von vorgefertigten Vorstellungen lösen.


Praktische Erfahrungen

In diesem Zusammenhang spielt das Praktikum im Alters- und Pflegeheim eine entscheidende Rolle. Zunächst mag sich der Sinn einer solch strikt begrenzten Besuchsreihe nicht erschließen. Wird es den alten Menschen nicht belasten, wenn ich mich nach zehn Besuchen - nicht neun, nicht elf, definitiv zehn müssen und dürfen es sein - endgültig verabschiede? Wird er nicht vielleicht die Schuld bei sich suchen, Angst haben, nicht liebenswert genug gewesen zu sein? Und werde ich ihn nicht ebenso vermissen?
Doch diese Vorbehalte verschwinden nach der einleuchtenden Erklärung von Pfarrer Frank Kittelberger, Leiter des Hospizprojekts “Leben bis zuletzt” der Inneren Mission München, das sich mit der Implementierung von palliativer Versorgung und Hospizarbeit in die Pflegeheime beschäftigt: „Durch dieses Praktikum lernen Sie, eine Beziehung aufzunehmen, zu gestalten und zu beenden. Sie gewöhnen sich daran, zu strukturieren. Indem Sie dem Bewohner mitteilen „Heute habe ich eine Stunde Zeit für Sie“ oder „Heute komme ich zum siebten Mal, jetzt sehen wir uns noch drei Mal, dann ist mein Praktikum zu Ende“ machen Sie die Beziehung verlässlich. Und Sie lernen sich zu verabschieden. Der andere wird vielleicht traurig sein. Oder enttäuscht. Oder wütend. Das müssen Sie dann aushalten können. So wie Sie später auch oft etwas einfach aushalten können müssen.“


Ein weiter Weg, ein guter Weg

Der Weg ist noch nicht zu Ende – die Ausbildung hat gerade erst begonnen. Aber jetzt schon habe ich viele „alltagstaugliche“ Ratschläge und Denkanstöße erhalten, die sich auch im Umgang mit den Mitmenschen zum Einsatz bringen lassen. Bis ich am ersten Sterbebett sitzen werde, wird sicher noch geraume Zeit vergehen. Aber das Gefühl, mit diesem Kurs die richtige Entscheidung getroffen zu haben, ist bereits jetzt da. Ich weiß: Hospizhelfer zu werden, das ist das Richtige für mich. Schon Goethe wusste: Was man nicht liebt, kann man nicht machen.“ Damit hat er Recht – in diesem Beruf noch mehr als in vielen anderen.



Michaela Pelz ist 46 Jahre alt, gelernte Wirtschaftsübersetzerin, Diplombetriebswirtin und TV-Redakteurin. Nach Arbeitsaufenthalten in Italien, England, den Philippinen und NRW mit Mann und zwei Kindern arbeitet sie heute haupberuflich als freie Journalistin, Übersetzerin und Chefredakteurin von krimi-forum.de. Sie lebt in Oberbayern, wo sie eine Ausbildung als Hospizhelferin absolviert.


Links zum Thema


Der Wegweiser Hospiz- und Palliativmedizin Deutschland

Der Christopherus Hospizverein e.V.

Das Hospizprojekt „Leben bis zuletzt“ der Inneren Mission München

30. März 2008 um 21:52 Uhr