Lesetipps

Samstag, 29. Dezember 2007

Die Blumen der Engel (Jutta Treiber und Maria Blazejovsky), ab 5 Jahren

Buchcover_Blumen_der_Engel

Die kleine Mara ist nicht mehr da.
Sie wird nicht wiederkommen. Nie mehr
Gestern hat Sonja noch mit ihrer Schwester gespielt.
Heute ist alles anders. Mara hatte einen Autounfall.
Sonja und ihre Eltern durchleben eine schwere Zeit.
Doch letzten Endes schöpfen sie Mut und Hoffnung.

Gerade im Umgang mit Kindern bleibt der Tod oft ein Tabuthema. Wie, so fragt man sich, soll ein Kind, das vielleicht gerade erst vor Kurzem erlernt und verinnerlicht hat, dass die Eltern auch dann wiederkommen, wenn sie einmal ein paar Stunden weg waren, die Endgültigkeit des Todes begreifen? Zu erklären, dass Leute sterben – Menschen, die wir sehr, sehr gerne haben und die uns nahe stehen – ist schwer genug. Worte dafür zu finden, dass derlei auch Kindern geschehen kann, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben, ist noch viel schwieriger.
Dennoch passiert es: Kinder werden krank oder haben einen Unfall und sind plötzlich tot. Und neben den Eltern sind es Spielkameraden oder gar Geschwister, die mit diesem Verlust zu leben lernen müssen.

In „Die Blumen der Engel“ beschreibt die Zweitklässlerin Sonja ihre Gefühle beim Tod ihren ein Jahr jüngeren Schwester, die bei einem Autounfall ums Leben kommt.
In einfachen, klaren Worten schildert sie, wie sehr sie die andere vermisst – etwa beim Anblick des gemeinsamen Hochbetts oder Maras Lieblingspuppe. Und sie zeigt, wie hilflos sie sich im Angesicht der Trauer der Eltern fühlt. Schließlich haben nicht nur die Eltern die kleinere Schwester geliebt, sondern auch Sonja.
Sonja erzählt von allem, das nach einer Todesnachricht geschieht: von der Auswahl der Kleidung, in der das Kind begraben werden soll, über das Aussuchen eines Sarges bis hin zur Beerdigung, dem Beisammensein auf dem Friedhof und, danach, im Kreis der Familie. Und schließlich findet auch Sonja einen Weg aus ihrer Sprachlosigkeit und die Familie findet letztendlich wieder zusammen.

Obschon die Bilder in Pastellfarben gehalten sind, fehlt das Happy End. Der Schmerz sitzt tief, und auch der Leser spürt ihn mit jeder Faser. Aber das Buch erzählt auch von der Hoffnung auf Linderung des Schmerzes und vom Trost der Erinnerung an die kleine Mara – und davon, dass Vater, Mutter und Kind sich gegenseitig Halt geben können.
Michaela Pelz

Jutta Treiber und Maria Blazejovsky: Die Blumen der Engel
Annette Betz gebunden, ISBN 3-219-10915-2
27 Seiten, ab fünf Jahren

29. Dezember 2007 um 11:29 Uhr
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Die besten Beerdigungen der Welt (Ulf Nilsson, Eva Eriksson), ab 4 Jahren

Besten_Beerdigungen_Buchcover
Ester ging auf der Lichtung hin und her. Sie dachte nach und dann hatte sie eine Idee. „Die ganze Welt ist voll von Toten“, sagte sie. „In jedem Gebüsch liegt ein Vogel, ein Schmetterling, eine Maus. Jemand muss nett sein und sich um sie kümmern. Jemand muss sich opfern und sie beerdigen.“ „Wer?“ sagte ich. „Wir“, sagte sie.


Ester, ihr kleiner Bruder Putte und die Ich-Erzählerin langweilen sich. Doch dann finden sie eine tote Hummel und bereiten ihr ein feierliches Begräbnis. Dafür wird extra ein Gedicht geschrieben, ein Loch gegraben, es werden Blumen gesät. Weil das alles so aufregend und erhebend ist, finden die drei Kinder Gefallen an der Sache. Sie suchen nach weiteren Toten – und finden sie. Und dann gründen sie sogar eine Beerdigungsfirma.
Nach und nach wandern so eine Spitzmaus, ein Hamster, ein Hahn mit abgeschlagenem Kopf, Heringe aus dem Kühlschrank, Mäuse aus der Falle (die noch schnell getauft werden) und überfahrene Tiere unter die Erde. Die jungen Beerdigungsinstitutsunternehmer stellen Kreuze auf, verfassen noch mehr Gedichte, singen Lieder – und all dies voll herzerfrischender Unbekümmertheit. Dabei spiegelt das Buch jenes Verhalten, das Kinder tatsächlich an den Tag legen, wenn sie selbst noch keinerlei persönliche Erfahrung mit dem Tod gemacht haben und auch nie mit aller Kraft von toten Tieren fern gehalten wurden. In ihrer unbekümmerten Fröhlichkeit erinnern Ester und Putte nicht nur vom Zeichenstil her an Astrid Lindgrens schwedische Kinderwelt.
Erst als die Kinder hautnah den Tod einer Amsel miterleben, die gegen das Fenster fliegt, werden sie traurig und erspüren einen Hauch von dem, was Tod bedeutet – und auch dieser Beklommenheit rücken sie mit einer stilvollen Bestattung und einem ergreifenden Gedicht zuleibe. Am nächsten Tag aber, so beschließen sie, machen sie dann aber mal wieder „etwas ganz anderes“.
„Die besten Beerdigungen der Welt“ macht Mut, Kindern jene Natürlichkeit im Umgang mit dem Thema zuzugestehen - sie sich langsam und in ihrem Tempo und nach ihren Maßstäben herantasten zu lassen.
me

Ulf Nilsson, Eva Eriksson: Die besten Beerdigungen der Welt
Original: Alla döda sma djur; Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke
Moritz Verlag gebunden; Frankfurt, 2006; ISBN 3-89565-174-5
für Kinder ab vier Jahren; 34 Seiten; € 10,90

29. Dezember 2007 um 10:25 Uhr
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Freitag, 28. Dezember 2007

Auf Wiedersehen, Mama (Elisabeth Zöller), ab 12 Jahren

Bild
Gestern hat die Sonne ganz warm geschienen und ich hab am Fenster meine blauen Blumen aufgehängt. Die aus der Bretagne. Und zu Mama habe ich gesagt: “So ähnlich muss das sein, wo du hingehst, Mama: wie die Blumen dort oder auch wie die Sonne.” Ich gab Mama die Hand und wir haben zusammen auf die Blumen geschaut und auf die Sonne.

Bei den ungemein anrührenden Worten, Gedanken und Begebenheiten, die die Autorin ihrer Ich-Erzählerin Flora in die Tagebuch-Feder legt, mag man kaum an reine Kopfgeburten glauben und fragt sich still und leise, ob die Autorin wohl beim Schreiben des Buches ebenso geweint hat wie man selbst es beim Lesen tut. Denn “Wiedersehen, Mama” begleitet die dreizehnjährige Flora, ihren siebenjährigen Bruder Philipp, Papa und Mama vom Moment, an dem bei der Achtunddreißigjährigen Brustkrebs diagnostiziert wird bis zu ihrem Tod.
Floras Tagebuch-Eintragungen vom 15. Juli bis zum 25. Mai des Folgejahres spiegeln die Gefühle aller Beteiligten direkt und ohne langatmige Erklärungen: Verwirrung, Orientierungslosigkeit, Wut, immer wieder Hoffnung, abgelöst von Verzweiflung und tiefer Traurigkeit. Warum gerade meine Mama? Ganz oft stellen sich die Geschwister diese Frage - und erhalten doch keine Antwort.
Doch Elisabeth Zöller lässt nicht zu, dass Philipp und Flora in Schmerz und Trauer versinken. Eine zarte Liebesgeschichte - mit all den damit verbundenen Irrungen und Wirrungen - lrgt sich unter die Kerngeschichte und macht immer wieder deutlich, wie wichtig es ist, das Schwere gemeinsam zu tragen. Langsam, Schritt für Schritt, schenkt Elisabeth Zöller ihren Figuren und damit auch den Lesern ein klein wenig Freude, Kraft und Hoffnung. Auch wenn Flora immer wieder an der Situation zu ersticken glaubt - es ist nicht alles zu Ende; manches beginnt auch neu, wenn man bereit dazu ist.
Und wo auf der einenen Seite Flora in der Schule nicht mehr mitkommt und Philipp wie ein Wahnsinniger Gummibärchen in sich hinein schaufelt und es keinem der beiden gelingen will, mit Dritten über das Sterben der Mutter zu sprechen, geht Floras Mutter auf der anderen Seite walken, als sie sich besser fühlt - und führt sie ihr Weg samt ihrer Familie in eine Selbsthilfegruppe für stterbende Krebs-Patienten. Entscheidend aber sind die Gespräche zwischen Eltern und Kindern, das bewusste Genießen der gemeinsamen Momente, das Aufschreiben von Geschichten rund um die Mutter und das Bewältigen der Angst, kurz: die aktive Auseinandersetzung mit Sterben und nahendem Tod. Dabei meidet Elisabeth Zöller jeden Hauch von Betroffenheit oder bewusstem Druck auf die Tränendrüse. Weinen tut man dennoch, aber das ist - das weiß eines Tages auch Flora - auch in Ordnung so: “Man ist viel trauriger, wenn man nicht weint, weil ohne Weinen die Traurigkeit wie ein schwarzes Loch ist, in das man plumpst. Und dann sinkt man ab. Aber wenn man weint, bildet sich ein kleiner See, in dem man schwimmen, sich vielleicht sogar freischwimmen kann.”

Elisabeth Zöller schreckt vor schwierigen Themen nicht zurück; sie schrieb bereits Kinder- und Jugendbücher rund um Gewalt im Klassenzimmer oder behinderte Kinder im Dritten Reich. “Auf Wiedersehen, Mama” ist keine leichte Kost, aber es trifft die Gefühle und Gedanken während eines Verlustes auf den Punkt, und auch die immer wieder eingestreuten Gedichte stimmen nachdenklich. Floras und Philipps Abschied ist schmerzvoll - aber er ist ein Abschied, mit dem sie werden leben können, weil er bewusst geschah. Mit einem Herzen voller Kummer aber auch voller Glück und Erinnerung an eine Frau, die ihnen immer nah sein wird und der sie “Auf Wiedersehen” sagen und ihr dabei in die Augen sehen konnten. Es gibt nicht viel Trost im Kummer, aber dies ist einer von ihnen.
Michaela Pelz

Elisabeth Zöller: Auf Wiedersehen, Mama
Fischer Schatzinsel TB, ISBN 3-596-80509-0
für Kinder ab 12, 125 Seiten, 5,90 Euro

28. Dezember 2007 um 05:03 Uhr
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Adieu, Herr Muffin (Ulf Nilsson, Anna-Clara Tidholm), ab 4 Jahren

Herr Muffin
Früher war Herr Muffin ein junges, starkes Meerschwein. Er konnte eine ganze Gurke auf dem Rücken tragen. Nun aber ist er alt und grau und müde. Er denkt an sein Leben und knabbert dazu Mandeln. An einem Mittwochmorgen kann Herr Muffin nicht mehr aufstehen. Es tut so weh im Bauch und in den Beinen …

Herr Muffin ist sieben Jahre alt und somit bereits recht hoch betagt. Ganz genau lernen wir sein Zuhause kennen: den Briefkasten aus Pappe vor dem Häuschen, in dem manchmal Leckerbissen ankommen etwa. Eines Tages jedoch liegt da ein Brief, Und als Herr Muffin ihn liest, versteht er, dass auch Tiere sterben können. Herr Muffin nimmt sich ein herz und denkt zurück: an seine Frau, an die Kinder und den Hamster, den er immer beneidete. An das, was gut war: 7665 Mal hat man ihn gestreichelt, 728 ganze Gurken konnte er verputzen, er war frei – und der Hamster musste die ganze Zeit in seinem Rad laufen. Diese Erinnerung tut gut – vor allem jetzt, wo sein Bauch schmerzt und er langsam immer älter wird. Angst hat Herr Muffin dennoch – und deshalb freut es ihn auch ungemein, dass ein Kind ihm in einem weiteren Brief schreibt „Ich liebe dich so sehr“. Als Herr Muffin dann tatsächlich stirbt, gibt es eine Zeitungsmeldung, eine Todesanzeige, eine pompöse Beerdigung und einen letzten Brief.

Viele Kinder haben ein Haustier – oft ist es ein Hase oder ein Meerschweinchen, das eines Tages an Altersschwäche verstirbt. Die meisten betrauern diesen Verlust ebenso intensiv wie sie den Abschied angemessen feierlich begehen wollen. Denn sehr häufig ist es der erste Kontakt dieser Jungen und Mädchen mit dem Tod.
Das Buch trägt all dem Rechnung, schlägt aber gleichzeitig die Brücke zu den menschlichen „Alten“, den Großeltern. Geschickt gelöst wird dies durch die Illustrationen der vielfach preisgekrönten Anna-Clara Tidholm. Der Meerschweinchenmann selbst bleibt zwar immer klar als Tier erkennbar, lebt jedoch in einem Häuschen mit Bildern an den Wänden im Wohnzimmer. Seine Gefühle in Bezug auf Vergangenheit und Zukunft sind menschlich und nachvollziehbar. Die Ereignisse nach dem Tod von Herrn Muffin sind ebenfalls stark an das angelehnt, was sich beim Verlust eines Angehörigen abspielt.
Den Schlusspunkt setzt der letzte Brief „Der Tod ist doch ein Ausruhen, oder? Nichts, wovor man Angst haben muss. So ist es doch, Herr Muffin, oder? Du weißt es doch?“ Zweifel und Vertrauen halten sich hier die Waage – und jeder kann für sich entscheiden, was er daraus mitnehmen möchte.
“Adieu, Herr Muffin” wurde in Schweden als bestes Bilderbuch des Jahres ausgezeichnet.
Michaela Pelz

Ulf Nilsson, Anna-Clara Tidholm
Adieu, Herr Muffin

Original: Adjö, herr Muffin, Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke
Moritz Verlag gebunden, Frankfurt, 2003, ISBN 3-89565-148-6
(Kinder ab 4), 40 Seiten, € 12,80

28. Dezember 2007 um 04:47 Uhr
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