Lesetipps
Wenn man eine tote Maus findet, kann man sie begraben. Aber was geschieht, wenn man das nicht tut? Bleibt die Maus da einfach so liegen? Was passiert mit ihr, wenn sie gestorben ist?
Die Beine in die Höhe gestreckt, so liegt sie auf dem Rücken, die tote Maus. Dieses Bild ist vielen geläufig – sogar den Kindern. Immer mal wieder kann man sie finden, auf Feldwegen, am Straßenrand, irgendwo im Wald – ein kleines totes Mäuslein. Mal grau, oft braun – wie die im Buch.
Was passiert, wenn niemand sie beerdigt – das zeigen Kriminalbiologe Benecke und Theatermalerin Fuss auf ebenso einfache wie eindrucksvolle Weise. Mit wenigen, aber klaren und überaus einleuchtenden Sätzen und unzweideutigen, aber dennoch keinesfalls erschreckenden Bildern verdeutlichen sie die unterschiedlichen Stadien der Verwesung.
Erst kommen die grünen Fliegen, die ihre Eier an „weichen Stellen ohne Fell“ ablegen. Aus den Eiern schlüpfen die zahnlosen Maden, die alles fressen, was weich genug für sie ist. Sind sie satt und ist nichts mehr da, kriechen sie weg, verpuppen sich und werden zu neuen Fliegen. Nach den Maden kommen unterschiedliche Käfer mit unterschiedlichen Vorlieben, die am Ende nur noch das Skelett übrig lassen.
Fertig.
Und mit der nächsten toten Maus geht das Ganze von vorn wieder los.
Wer nun denkt, dass der „Madendoc“ sich eines für Kinder ungeeigneten Themas angenommen hat, der irrt. Gerade kleinere Kinder interessieren sich sehr für den wissenschaftlichen Aspekt der Vergänglichkeit – ganz ohne den Ekel, der viele Erwachsene schon beim Gedanken daran befällt.
Einen nicht ganz unwesentlichen Teil an der kindgerechten Aufbereitung des Themas haben natürlich auch die Bilder – sehr klar, sehr gegenständlich, mit wenigen Objekten auf jeder Seite.
Und schließlich: Ob und inwieweit beim (gemeinsamen) Lesen darauf hingewiesen wird, dass auch andere tote Körper demselben Prozess unterworfen sind, nun, das bleibt dem jeweiligen Vorleser überlassen.
Alles in allem also ein empfehlenswertes, wenn auch sicher nicht bei allen unumstrittenes Buch zu einem wichtigen Thema.
[mip]
Mark Benecke, Lisa Fuss: Wo bleibt die Maus - Vom Kreislauf des Lebens, Sauerländer gebunden, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3794151745, 32 Seiten, € 12,90, ab vier Jahren
Opa ist gestorben. Was das bedeutet, weiß Berti eigentlich nicht. Nur, dass es ihn sehr, sehr traurig macht.
Doch Opa hat Berti einen Brief hinterlassen. Zunächst versteht Berti Opas Worte nicht wirklich. Aber mit der Zeit begreift er, was Opa ihm sagen wollte. Und das tröstet Berti über seinen Schmerz hinweg.
Am Anfang steht der Tod – und die Beerdigung von Opa Maus.
Ein Geschenk hat er dem Enkel hinterlassen und ein Schreiben, in dem er erklärt, dass er jedem in der Familie etwas mitgegeben hat, etwas, wodurch er weiterlebt, auch wenn er selbst nicht mehr da ist. Und nach und nach findet der kleine Mäusejunge heraus, worum es sich dabei handelt: Es geht um äußerliche Merkmale, um Eigenschaften, Talente, Vorlieben und Zukunftspläne. Und darum, dass niemand vergessen ist, an den man sich aktiv erinnert und dessen Arbeit man fortführt.
Die doppelseitigen, farbenfrohen Illustrationen von Daniela Chudzinski lassen jedes Mitglied der Mäusefamilie so richtig lebendig werden: Den Buben Berti in seinen Fußballklamotten, Oma mit dem Kneifer, die Mutter mit der Blüte am Ohr ... Die Texte sind einfach gehalten und darum gerade auch für die Allerkleinsten selbsterklärend. Die Trauer der Hinterbliebenen ist greifbar und doch überlagert sie nicht alles – vor allem nicht das Vermächtnis des Großvaters. So schön und lebendig ist das ganze Buch, dass der Leser sich am liebsten dazusetzen möchte, wenn Berti mitten im Sonnenblumenfeld Opas Brief liest. Und man möchte jedem kleinen (und großen) Berti einen Opa wünschen, der ihm solch einen Brief hinterlässt – damit nicht der Tod im Vordergrund steht, sondern die Erinnerung und das Weiterleben.
[mic]
Jeanette Randerath, Daniela Chudzinski: Der Abschiedsbrief von Opa Maus, Thienemann gebunden, Stuttgart 2007, ISBN 978-3522435222, 32 Seiten, € 12,90 (ab 4)
Ulla ist Vaters Liebling. Trotzdem liebt sie ihre Mama, eine Regisseurin, ungefähr einen Zentimeter mehr als Papa. Ohne all das könnte Ulla nicht leben. Niemals.
Doch dann wird ihre schöne Mama, die so gerne lacht, krank. Kurz darauf stirbt sie. Für alle beginnt eine schwere Zeit. Christoph Hein erzählt, wie Ulla, die Brüder und ihr Vater ein neues Leben, ohne Mama, beginnen müssen.
“Den eig’nen Tod, den stirbt man nur, mit dem der anderen muss man leben”, so die Dichterin Mascha Kaleko (1907-1975). Ganz genau so geht es auch Ulla, ihrem Vater und den beiden großen Brüdern. Wenn im ersten Kapitel die Familie beschrieben wird dann geht dem Leser das Herz auf und er meint sie alle zu kennen: Karel, der nicht mehr Karl heißen will und Meyers Konversationslexikon auswendig kann; Paul, der immer einen schlauen Spruch und eine aberwitzige Erklärung auf Lager hat; Papa, der bildhauert und mit dem Hund spricht; sowie Mama, die Regisseurin mit den vielen vielen Freunden und dem ansteckenden Lachen.
Doch dann wird Mama krank - und stirbt.
Was danach kommt, darüber spricht der gebürtige Schlesier Hein in ebenso einfühlsamen wie einfachen Worten. Über die Trauer schreibt er und das abverlangte und ungewollte Mitleid der anderen, die stets immer und immer nur über die Tote reden wollen. Über das Grab und was es bedeutet, einen Ort der Erinnerung zu haben. Und es wird oft klar, dass es verdammt schwer und traurig ist, ohne Mama weitermachen zu müssen, auch für die Größeren, nicht nur für Ulla, die Zehnjährige. Neue Frauen kommen ins Haus, alte Urlaubsziele werden verworfen, jemand verliebt sich und eine ganz besondere Statue entsteht … Hein macht keine großen Worte – sein Erzählstil ist unaufgeregt, nie beiläufig, aber doch ohne die Effekthascherei dramatisch-überhöhter Emotionen. Dennoch wird sehr deutlich, welch langer Weg vor einer Familie liegt, die plötzlich eines wichtigen Mitglieds beraubt ist. Manchmal geht es besser, dann gibt es Momente, in denen der Schmerz überwältigend ist. Doch irgendwie geht alles weiter, und vielleicht stimmt es ja doch: „Sie ist nur vorausgegangen und wir werden ihr irgendwann folgen.“
[mic]
Christoph Hein: Mama ist gegangen, Beltz TB, ISBN 3-407-78678-6, 145 Seiten,
5,90 Euro, ab 10 Jahren
Emma und die zottelige Hündin Fee sind die besten Freundinnen. Sie teilen fast alles: Die Angst vor Gewittern und die Begeisterung für das Meer, für frischgebackene Waffeln und In-die-Wolken-Gucken. Zusammen erleben sie wilde und ruhige Stunden, doch im Herbst wird Fee immer müder und kraftloser. Schließlich stirbt die Hündin und Emma muss von ihrer Freundin für immer Abschied nehmen.
So ein Haustier wie Kindergartenkind Emma es hat, wäre wohl der Traum eines jeden kleinen Mädchen oder Jungen: Ein Hund zum lieb haben, zum herumtollen, zum Beschützt werden vor den Rüpeln auf dem Spielplatz ...
Doch gerade weil die Zuneigung so groß ist, ist der Schmerz beim Tod des Tieres auch überwältigend. Da wird nichts schöngeredet – Fee ist nicht mehr da und Emma muss ganz schrecklich weinen. Und ihre Eltern auch. Selbst die Illustration verliert jede Farbe: die Kuscheltiere, die Bilder an den Möbeln, das ganze Zimmer rund um die traurige Emma vermittelt eine trostlose Stimmung. Dann allerdings findet das Mädchen heraus aus seiner Trauer, indem es eine Erinnerungskiste zusammenstellt. Am Ende steht die Botschaft: Wenn du an jemanden denkst, der nicht mehr da ist, dann ist es fast so, als ob er ein bisschen bei dir wäre.
Die gemeinsam verbrachte Zeit von Kind und Hund nimmt viel Raum ein in diesem Buch – und ist wohl auch das, was die kleinen Leser (so sie denn selbst ein Haustier haben) am besten nachvollziehen können. Gut eingefangen – in Wort und Bild – ist der Moment, an dem die Mutter ihrer Tochter die schlimme Erkenntnis nicht ersparen kann, dass jedes Leben ein Ende hat, auch das des geliebten Hundes. So gern würde man (wie die beiden es auf dieser Zeichnung tun) die Augen ganz fest zumachen und hoffen, dass das Schreckliche dadurch weniger wahr wäre.
Ein Buch, das sich mit einer konkreten Trauersituation befasst, wie sie viele Kinder erleben (müssen). Ein Patentrezept zur Bewältigung dieses großen Kummers bietet es nicht an – und das ist auch gut so. Doch wird ganz deutlich: Nach düsteren Tagen scheint auch wieder die Sonne – und die gemeinsame Zeit mit einem Freund kann einem niemand nehmen, auch die endgültige Trennung durch den Tod nicht.
[mic]
Annette Langen, Antje Bohnstedt: Vier Pfoten am Himmel, Herder gebunden, Freiburg, 2008, ISBN 978-3451296413, 28 Seiten, € 12,90 (ab fünf Jahren)
Die Ärzte machen der 16-jährigen Tessa wenig Hoffnung. Der lange Kampf gegen die Leukämie scheint verloren. Doch bevor sie stirbt, will sie leben. Auf einer Liste notiert sie zehn Dinge, die sie tun will. Nummer eins ist Sex. Gleich heute Abend. Aber es ist nicht immer so einfach zu bekommen, was man will. Und Tessa macht es weder sich noch ihrer Familie leicht.
Als plötzlich Adam in ihr Leben tritt, wird vieles anders. Wie geht man miteinander um, wenn der Tod immer dabei ist? Und darf man Liebe einfordern, wenn man stirbt?
Tessa tut es.
3.15 bis 3.19: Sex.
Das erste Mal im Leben.
Mit einem bis dahin wildfremden Jungen.
Der Himmels ist dabei nicht untergegangen, aber es war irgendwie schon okay –Tessa Scott ist sich nicht sicher, ob sie glücklich ist. Was sie jedoch weiß: Der erste Punkt ist erledigt. Der erste Punkt der Liste jener Dinge, die das Mädchen vor seinem Tod noch erlebt haben möchte.
Vier Jahre ist es schon her, dass ihre Mutter die Familie verließ – und fast vier Jahre lebt die jetzt 16jährige schon mit einer Diagnose, die den stärksten Mann umhauen würde: Leukämie. Vier Jahre mit Hoffen und Bangen und einem Alltag, der alles andere als alltäglich ist: Immer wieder Krankenhausaufenthalte, immer wieder grauenvolle Schmerzen (etwa bei der Lumbalpunktion), immer wieder der Versuch, sich so gut als möglich wegzubeamen, gedanklich auszuklinken.
Das Sterben geht nicht schnell – es ist angekündigt. Für den allein erziehenden Vater, den kleinen Bruder, die Mutter, die anderswo wohnt ist das genauso schlimm wie für Tessa, die im Bett liegt und nie wieder aufstehen möchte. So oft haben alle schon das Internet leergelesen und immer wieder gegen jede Vernunft gehofft, neue Erkenntnisse zu finden – und nun ist klar, dass alles nichts hilft.
Wut mischt sich mit Trauer, Tessa begehrt auf, will sich nicht zusammenreißen, nicht mehr positiv denken, nicht in die Schule zurückkehren, um dort Leute kennenzulernen, die dann bei ihrer Beerdigung betroffen sein können.
Aber dann trifft sie Adam und macht mit ihrem alten Leben und dem Leiden Schluss. Ohne Skrupel verbrennt sie ihre Tagebücher, die Karten mit Genesungswünschen und die Fotos von früher. Zutiefst berührt begleitet der Leser die Ich-Erzählerin durch die 46 Kapitel dieses gleichzeitig unendlich traurigen und dann doch wieder gnadenlos komischen und frechen Buches.
Wie schwer muss es sein, sich hauptsächlich an Orten aufzuhalten, an denen es von anderen Todkranken wimmelt? Man freundet sich an und dann sterben sie einfach weg? Wie erdrückend muss er sein, der Gedanken an all die „niemals“... – studieren, Auto fahren, den Bruder aufwachsen sehen, ein Haus, eine Familie, Kinder, einen Beruf haben ... alles bleibt ihr verwehrt.
Doch der Teenager lässt sich nicht erdrücken und tut die aberwitzigsten Dinge, auf die man erst einmal kommen muss: Einen Tag zu allem „ja“ sagen – egal, ob man Lust dazu hat und wie absurd das Verlangte auch sein mag. Drogen nehmen, Gesetze brechen, alte Erinnerungen wieder aufleben lassen, an neue Orte fahren, mit der besten Freundin streiten… Wäre die Situation keine so tragische, man könnte sich ausschütten vor Lachen über das, was Tessa tut, die ja keine Angst mehr vor den Konsequenzen haben muss.
„Das Leben ist eine Abfolge einzelner Momente, aus denen sich die Reise ans Ende zusammensetzt.“, und an eben diesen Augenblicken darf der Leser teilnehmen.
Ebenso wie an den Begegnungen mit den Menschen, die Tessa am wichtigsten sind.
Der Vater, der alles für sein kleines Mädchen getan, seine Arbeit, seine Freunde aufgegeben, stundenlang in Krankenhäusern herumgesessen und sich mit ungeliebten Sportarten beschäftigt hat, nur für sie. Cal, der bis zuletzt Normalität ins Leben seiner großen Schwester bringt und es scheiße findet, dass sie sterben muss. Die Mutter, die während der gesamten Krankheit nicht präsent war, keine einzige Untersuchung miterlebt hat und doch, als es wirklich darauf ankommt, helfend zur Seite steht. Und Adam, dessen Liebe so unendlich groß ist und echt, dass sie für mehr als ein Menschenleben reicht. So tief sind seine Gefühle, so überwältigend ist das, was er tut, dass man schon beim Lesen nur noch weinen möchte und Sehnsucht empfindet, selbst einmal so etwas erleben zu dürfen.
Ein Buch, das unter die Haut geht.
Und den Leser mitten ins Mark trifft.
[mic]
Jenny Downham: Bevor ich sterbe (Before I die), Aus dem Englischen von Astrid Arz,
C. Bertelsmann gebunden, München 2008, ISBN 978-3-570-01004-4, 320 Seiten, € 17,95, ab 16 Jahren
Lesetipps Sachbuch und Belletristik, für Kinder und Erwachsene.
Selbsthilfegruppen, nach Bundesland und weltweit.
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